
Presse/Texte
Teil 2
Und woraus bestehen die Texte auf den Bildtafeln? Es gibt - wie schon gesagt - Tafeln mit genauen Datumsangaben, die die Zeit besonders markant fixieren. Sie sind mit einzelnen Wörtern oder auch Satzfragmenten verbunden und widerholen sich ständig. Auf anderen Tafeln stehen Aussagesätze, von denen Sie ein Beispiel auf der Einladung zur Ausstellung sehen. Bei einem weiteren Gestaltungstypus besteht der Text nach einer strengen Normauffassung aus ungrammatischen Sätzen, wobei jede Zeile mit einem bestimmten Artikel beginnt (z.B. die Pflanzungen der Künstlerin).Einfachste Aussagesätze nach dem Muster Subjekt - Prädikat (z.B. die Künstlerin schreibt) ohne jede adjektivische oder attributive Ergänzung bzw. ein rein funktionales Wort ohne großen semantischen Eigenwert, das im Ursprung allerdings hinweisende Bedeutung hat, wiederholt an erster Stelle einer Zeile, belegen ebenfalls die Zurücknahme der Ute Bernhard in persona zugunsten der "Künstlerin", die sich auf anderen Bildtafeln aber alles Mögliche in Form des Genitivus possessivus zu-schreibt, der Besitz und Zugehörigkeit nennt. Bei diesen Zuschreibungen dominieren die Konkreta (z.B. das Lied der Künstlerin), welche Dinge oder Sachverhalte benennen, die keinem Menschenleben fremd sind. Und doch bekommen diese Dinge/Sachverhalte eine besondere Intensität durch die gebetsmühlenartige Wiederholung der gleichen Wortgruppen bzw. Sprachstrukturen. Gebetsmühlen werden ja gedreht, um körperliche Aktivität und geistig-spirituelle Inhalte miteinander zu verknüpfen mit dem Ziel, alle Aspekte der Lebenswirklichkeit in einen Pfad zur Erleuchtung zu integrieren. Die Gebetsmühlen von Ute Bernhard sind ihre Texte. Sie haben eine große Kraft, die es der Künstlerin ermöglicht, sich selbst zu lesen und zu einer Expertin ihrer selbst zu werden.
© Nortrud Gomringer
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